Medien im Fremdsprachunterricht – Interview mit Professor Roche

Professor J. RocheInternetmedien bestimmen längst unseren Alltag. Sie für den Sprachunterricht zu nutzen – davor schrecken jedoch viele noch zurück. Bei vielen herrscht Unsicherheit: Medien haben Mehrwert, sagen die einen. Sie vereinfachen das Sprachenlernen nicht, sagen andere, sie machen den Unterricht sogar komplizierter. Manche sehen darin sogar einen Stressfaktor. Im Interview räumt Jörg Roche, wissenschaftlicher Leiter der Deutsch-Uni Online und Professor für Sprach- und Kulturvermittlung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit einigen Vorurteilen auf.

Ungewollte Vielfalt oder Unterstützung für den Lehrer? Welche Vorteile bieten neue Medien dem Sprachunterricht?

Medien im Unterricht unterstützen Lehrer auf ganz praktische Art. Sie müssen nicht mit schwerem Gerät wie CD-Player, Fernseher etc. anrücken, sondern Computer und Beamer sind bereits in vielen Klassenzimmern oder Computerräumen vorhanden oder – besser noch – die Schüler nutzen ihre eigenen Laptops vor, während und nach dem Unterricht. Die Lehrkräfte können ganz einfach Bilder, Audios und Videos in die Klasse holen, jederzeit über Video-Plattformen, Foren usw. auf authentisches Material zugreifen. Außerdem bieten Internet-Recherchen in größeren Klassenverbänden eine Möglichkeit zur Binnendifferenzierung. Schüler können nach eigenem Interesse und Wissensniveau arbeiten. Wichtig: Aufgabenstellungen müssen den Lernern sinnvoll und interessant erscheinen. Das wirkt lernfördernd und reduziert die ablenkende Verwendung der Medien.

Wie profitieren die Lernenden?

Lerner, die Themen nach eigenem Interesse bearbeiten, gehen mit viel mehr Motivation an die Arbeit. Sie speichern neue Informationen, das Gelernte, nachhaltiger. Für Sprachenlernende ist es nicht nur wichtig, räumliche Distanzen, sondern auch kulturelle Barrieren zu überwinden. Das gelingt durch die Interaktion mit Lernenden im Zielsprachenland – per E-Mail, Chat oder Videokommunikation. Die fremde Kultur kommt so in den Unterricht. Die Schüler erfahren reale Unterhaltungen, fühlen sich eher motiviert, sich anzustrengen, Texte zu recherchieren und zu produzieren und sich über Vokabeln und die richtige grammatische Form zu informieren. Sie wollen einen möglichst fließenden Dialog mit dem Sprachpartner führen. Sie präsentieren somit ihre eigenen Sprachfertigkeiten, und Präsentationen schaffen immer auch die Motivation, etwas besonders gut machen zu wollen. Schüler können sich innerhalb ihrer Peergroup über landeskundliche Themen oder aktuelle Ereignisse austauschen. Sie erleben Sprache aus dem „Alltag“, gehen vor allem kreativ mit Sprache um. Dazu gibt es viele sinnvolle Möglichkeiten und Aufgaben.

Müssen Lehrende Medienprofis sein?

Lehrer müssen nicht alles wissen. Natürlich brauchen sie Erfahrungen bzw. gewisse Grundkenntnisse im Bereich „Medien“, um von Schülern ernst genommen zu werden. Sie müssen aber über Medien nicht mehr wissen als ihre Schüler. Das ist im Umgang mit „Digital Natives“ schwer zu erreichen und auch gar nicht nötig. Schüler wissen, dass sie meist medienversierter sind als ihre Lehrer. Lehrer sollten keine Scheu haben, sich mit Schülern auszutauschen und empfänglich sein für ihre Hinweise, etwa zu aktuellen Netzwerken, Software usw. Schüler profitieren ihrerseits vom Expertenwissen der Lehrer, wenn es um vertrauenswürdige Hilfsmittel für das Sprachenlernen geht.

Übungen und Aufgaben – wird das Lehrbuch einfach ins Internet gebracht?

Medien sind für manche Lehrer neu, für ihre Schüler sind sie es nicht. Lehrer sollten daher nicht glauben, veraltetes, oft behavioristisches Übungsmaterial ließe sich einfach digitalisieren. Schüler durchschauen das. Vielmehr muss medialisiertes Lehrmaterial erkennbaren Mehrwert haben – Grammatikregeln, die durch Animationen veranschaulicht werden, digitale Arbeits- und Lernwerkzeuge wie z. B. Mindmap-Tools, Wikis, Foren, Chats, Suchmaschinen, digitale Übungen mit integrierten Medien usw. Aufgabentypen müssen dem Material entsprechen, es sinnvoll unterstützen, motivieren und nachhaltiges Lernen fördern. Wer Medien im Unterricht einsetzen will, muss nicht programmieren können: Es gibt viel Material, das sich in den Unterricht integrieren lässt.

Brauchen Lehrer Fortbildungen?

In Fortbildungen, aber auch durch qualifizierte mediendidaktische Lektüre können sich Lehrer grundlegend über mediengestützten Unterricht informieren. Zu wissen, was möglich und was sinnvoll ist, ist meist nachhaltiger, als in Trainings Spezialwissen zu bestimmten E-Learning-Anwendungen aufzubauen, das möglicherweise schnell veraltet ist.

Dadurch entwickeln Lehrkräfte wichtige Kompetenzen: Offenheit gegenüber Neuem und der Mut, mit den Schülern in Dialog zu treten, sich etwas beibringen zu lassen. Dies wirkt möglichem Stress entgegen, Lehrer bilden sich dauerhaft fort, bleiben auf dem neusten technischen Stand, und Medien werden als das wahrgenommen, was sie sind: als Hilfsmittel zur Erreichung übergeordneter Lernziele in einem handlungsorientierten Unterricht.

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